MEDIZIN

Das richtige Maß

Weingenuss & Gesundheit: Wenn jemand, der gesund ist (isst), täglich seine zwei, drei Gläser Wein genießt, dann ist dagegen auch von ärztlicher Seite nichts oder kaum etwas einzuwenden.

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Das richtige Maß

Weingenuss & Gesundheit: Wenn jemand, der gesund ist (isst), täglich seine zwei, drei Gläser Wein genießt, dann ist dagegen auch von ärztlicher Seite nichts oder kaum etwas einzuwenden.

von Dr.med. Albin Thöni

Wein in Maßen getrunken – hat dies wirklich positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit? Mit dem Thema „Wein und gesundheitliche Aspekte“ verbindet man ganz besonders Emotionen und Vorurteile. Es ist dementsprechend nicht unproblematisch, über die gesundheitsfördernden Wirkungen des Alkohols zu sprechen. Es gilt, verantwortungsvoll und ausgewogen sowohl über die gesundheitlichen Auswirkungen als auch über die Risiken für die Gesundheit aufzuklären.

Hildegard von Bingen hat bereits um 1150 n. Chr. festgestellt: „Der Wein heilt und erfreut den Menschen mit seiner gesunden Wärme und seiner großen Kraft. Der Wein ist nämlich das Blut der Erde“! Der Alkohol ist einerseits ein Nahrungs-und Genussmittel, andererseits ab einer bestimmten Dosis auch ein Rauschmittel, das körperliche und psychische Abhängigkeit verursachen kann. Es kommt einzig und allein auf das richtige Maß an, also auf die tägliche Menge Alkohol, die man konsumiert. Wie viel Gläser Wein oder Bier oder höher prozentige Destillate sind  „gesund“ bzw. haben eine positive Auswirkung auf unsere Gesundheit?

Was sagt die „Wissenschaft“?

Die Experten für Ernährung, die Gesundheitsbehörden, die Epidemiologen, die Ärzteschaft, zumal die Internisten, sind sich keineswegs einig über die richtige Menge und das richtige Maß. Die einen behaupten, dass Alkohol moderat und langfristig getrunken unter anderem für die Blutgefäße und das Herz, also für das Herzkreislaufsystem oder auch für eine bessere Hirnleistung (besonders im Alter) förderlich sei. Die anderen behaupten, auch anhand aktueller Studien, dass keine positiven Wirkungen z. B. auf das Herzkreislaufsystem nachgewiesen werden kann (so auf dem letzten Europäischen Kardiologenkongress: keine signifikante gesundheitsrelevante Wirkung).

Es gibt also widersprüchliche Studienergebnisse zu den Vor-und Nachteilen: Vergleichsstudien sind beliebig interpretierbar und auch manipulierbar, und das Ergebnis führt häufig zu falschen Schlüssen.

Was bedeutet „moderater Weingenuss“?

Ein Glas am Tag?  Zwei oder drei?

Seit ca. 7- 8.000 Jahren v. Chr. sind die Erzeugung von Wein und Bier Teil des europäischen Kulturerbes, sie ist ein jahrtausendealtes Kulturgut und ein omnipräsentes Element in unserem Sozialleben (seit unsere Vorfahren sesshaft geworden sind und Ackerbau betrieben haben). Der Alkoholkonsum ist integraler Bestandteil der europäischen Lebensart und Kultur.

Bereits im  Alten Testament wird  Noah als erster Winzer ausgewiesen; er hat sich auch am Rebensaft betrunken.

Bei Geburt, Taufe, Firmung, Hochzeit (siehe Hochzeit zu Kana) und anderen ähnlichen Anlässen feiert man zumeist mit zwei, drei Gläsern Wein/Sekt.

Erst ein Gläschen Sekt oder Wein machen ein Fest zur Feier! Man denke auch an die Trinkgelage bei den Griechen (Symposien als gesellschaftliches Ereignis) und an den Gott des Weines bei den Griechen (Dionysos) und Römern (Bacchus).

Ich darf in diesem Zusammenhang auch den Heiligen Benedikt von Nursia, den Ordensgründer der Benediktiner, zitieren. Dieser hat in seiner Ordensregel „Regula Benedicti“, um 540 n. Chr., im Kapitel über „Das Maß des Getränkes“  festgelegt, dass die Mönche täglich eine HEMINA trinken dürfen. Und ab und zu ein wenig mehr.

HEMINA ist eine antike Maßeinheit von ungefähr einem viertel Liter.

Aber der Abt  soll immer darüber wachen, dass es nicht zu Übermaß und Trunksucht kommt, denn der Wein bringt auch die Weisen zu Fall (im AT: Jesus Sirach, 31).

Wenn aber überhaupt kein Wein aufzutreiben oder vorrätig ist, dann soll man: „benedicant deum, qui ibi habitant et non murmurant!“.

Letztlich war die rechte Maßhaltung in allen Bereichen für den Hl. Benedikt der Weg zu einem geglückten Leben im Sinne des  „ORA et  LABORA“!

Das Klosterweingut St. Hildegarden/Rüdesheim füllt auch Viertelliter-Weinflaschen ab, die sich HEMINA nennen.

Die Dosis macht das Gift: dosis fecit velenum: diese Aussage des berühmten Paracelsus besitzt auch heute uneingeschränkte Gültigkeit.

Derzeit herrscht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass ein täglicher Konsum von 20 Gramm Alkohol für die Frau (2 Drinks oder Getränkeeinheiten zu jeweils 12 Gramm) und 30 Gramm für den Mann (3 Getränkeeinheiten) gesundheitsfördernd sei.

10 Gramm reiner Alkohol entsprechen durchschnittlich einem Viertelliter Bier, einem Achtelliter Wein oder vier Zentilitern Schnaps.

Unter moderatem Alkohol-Genuss versteht man also den täglichen Konsum von circa zwei Gläsern Wein für die Frau (einen halben Liter Bier, oder ein Viertele Wein) und drei Gläsern für den Mann. Praktisch bedeutet dies zwei Gläschen zu 125 ml Vernatsch mit 12.5% Vol für die Frau und drei Gläschen für den Mann. Ein halber Liter vom Vernatsch mit 12,5 % Vol  bedeutet 50 Gramm Alkohol.

Dies klingt sehr streng und lässt wenig Raum ab und zu mal „über die Stränge“ zu schlagen. Aber nein: man muss nicht uns alle gleich zu Abstinenzler machen und vom Alkoholgenuss abraten!

Wenn jemand, der gesund ist (isst), vernünftig und moderat täglich seine zwei, drei Gläser Wein genießt, dann ist dagegen auch von ärztlicher Seite nichts oder kaum etwas einzuwenden (es gibt Leitlinien für einen unbedenklichen Konsum). Aber man sollte nie mehr als vier Getränkeeinheiten auf einmal, also an einem Abend oder im Rahmen einer Feier (= 40 Gramm reinen Alkohol) konsumieren.

Vertragen Mann und Frau Alkohol auf unterschiedliche Art?

Die Wirkung von Alkohol ist nicht bei jedem gleich und hängt – abgesehen vom Alter, dem Körper-Gewicht, dem Gesundheitszustand, der Tagesverfassung, psychischen Faktoren, der ethnischen Herkunft, Konsum auf leeren oder vollen Magen – insbesondere auch vom Geschlecht ab.

Wobei vom Konsum auf leerem Magen prinzipiell abzuraten ist. Es gibt einen geschlechtsspezifischen Unterschied zwischen Mann und Frau. Der weibliche Organismus verträgt weniger Alkohol als jener des Mannes.

Bei der Frau ist bei gleichem Alkoholkonsum die Alkoholkonzentration (BAK= Gramm Alkohol pro Liter Blut) höher und die Wirkung tritt bei ihr stärker in Erscheinung. Tatsache ist, dass die Alkoholverträglichkeit bei der Frau um bis zu 30 Prozent reduziert ist, gegenüber jener des  Mannes, da ihre Leber weniger alkoholabbauende Enzyme (ADH und ACDH) produziert.  Dies bedeutet auch, dass die Frau entsprechend langsamer nüchtern wird. Man kann davon ausgehen, dass ein Abbau von acht Gramm Alkohol/Stunde über die Leber erfolgt. Die Grenze zwischen Genuss und Rausch ist fließend … der Grat zwischen der guten und der schädigenden Wirkung des Alkohols ist schmal.

„Die Dosis macht das Gift: dosis fecit velenum: diese Aussage des berühmten Paracelsus besitzt auch heute noch uneingeschränkte Gültigkeit.“

Praktische Tipps für die Einhaltung der Promillegrenze:

Wir sollten uns angewöhnen, zunächst das Etikett jeder Weinflasche zu beachten. Wie viel %Vol stehen darauf?

Der Weinkonsum erfordert Reife; er ist obsolet für Minderjährige, Autofahrer, bei Medikamenteneinnahme. Jeder von uns sollte kritisch seinen Weinkonsum beobachten.

Die Gefahr vom Weingenießer zum Weintrinker zu werden ist groß.

Angeblich weisen circa 20 Prozent der Männer in unseren Breitengraden einen problematischen Umgang mit Alkohol auf. Körperliche Schäden sind nur das eine Problem, die psychischen Abhängigkeiten beginnen schon viel früher, nämlich mit schlechten Trink-Angewohnheiten.

Fakt ist, dass starker Alkoholkonsum viele Organe schädigen kann, nicht nur das zentrale und periphere Nervensystem, die Leber, die Speiseröhre, den Magen, die Bauchspeicheldrüse, auch das Herz.

Alkohol ist das Dopingmittel Nr. 1 in Mitteleuropa, es ist das wohl schädlichste aller Suchtmittel. Erwachsene haben eine starke Vorbildwirkung: Wie zu Hause mit Alkohol umgegangen wird, prägt Kinder sehr! Es gilt zu vermitteln, dass Alkohol ein Genussmittel ist, und insbesondere daheim sollte ein verantwortungsvoller Umgang vorgelebt werden. Schon gar nicht sollte man Alkohol als „Werkzeug“ missbrauchen, um Negatives zu kompensieren, wenn es einem schlecht geht; ganz im

Gegenteil.

Als Eltern gilt es zu zeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt, sich wieder aus einer Krise zu ziehen. Mein praktischer Tipp: Es ist empfehlenswert mindestens einen, besser zwei Tage hintereinander abstinent zu bleiben, um einerseits die Leber zu entlasten und andererseits sich selber zu beobachten, wie der Körper auf diese zweitägige Abstinenz reagiert.

Diese Verhaltensweise gilt insbesondere für jene unter uns, die einen täglichen, womöglich jahrzehntelangen Konsum von über 30 Gramm reinen Alkohol für die Frau und über 40 Gramm für den Mann aufweisen.

Ich zitiere abschließend den griechischen Philosophen Plato:

„Mäßig genossen ist der Wein eine Arznei, die das Alter verjüngt, den Kranken gesund und den Weisen reich macht“!

Letztlich gilt es also, ein Plädoyer für den Wein-Genuss zu halten, für eine ideale Speisen-Weinanpassung, für die Geselligkeit zu Tische, für die Freude und für den Frohsinn; dabei aber niemals das Maßhalten als eine der sieben Tugenden aus den Augen zu verlieren, als eine für jeden von uns zu beherzigende Lebensregel!

Foto: ©123RF.com

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