VERNATSCH

Wein mit Kultstatus

Vernatsch, Quo vadis? Die Anbaufläche der vor über 40 und bis vor wenigen Jahren mit großem Abstand beliebtesten und immer noch am häufigsten angebauten Südtiroler Rebsorte ist seit den 80er Jahren auf ein Fünftel geschrumpft.

VERNATSCH

Wein mit Kultstatus

Vernatsch, Quo vadis? Die Anbaufläche der vor über 40 und bis vor wenigen Jahren mit großem Abstand beliebtesten und immer noch am häufigsten angebauten Südtiroler Rebsorte ist seit den 80er Jahren auf ein Fünftel geschrumpft.

von Albin Thöni

Nach der massiven Reduktion  der Vernatsch-Rebfläche in den letzten vier Jahrzehnten (siehe Grafik), wird es in den nächsten Jahren zu einer weiteren – hoffentlich nur mehr geringfügigen – Rodung dieser Rebsorte kommen. Von derzeit 14% auf schätzungsweise 10% der gesamten DOC und IGT Rebfläche in Südtirol, die zur Zeit insgesamt 5.415 ha beträgt, dies würde nur mehr circa 600 ha bedeuten.

Die Anbaufläche der vor über 40 und bis vor wenigen Jahren mit großem Abstand beliebtesten und immer noch am häufigsten angebauten Südtiroler Rebsorte ist seit den 80er Jahren auf ein Fünftel geschrumpft, von annähernd 70% (3.600 ha) in 1978 auf 14% (750 ha) im Jahre 2018, bzw. von 250.000 hl auf <52.000 hl Wein in 2017. Die Rebfläche des Ruländer (Grauburgunder) ist derzeit mit 636  ha dem Vernatsch dicht auf den Fersen! Der Gewürztraminer weist derzeit eine Rebfläche von 576  ha und der Weißburgunder eine Rebfläche von 542  ha  auf. (Daten zur Verfügung gestellt von der Handelskammer Bozen (1).

Ausblick

Alle Kellereien in Südtirol haben in den letzten Jahren mit klugem Weitblick die Entwicklung zur Qualitätssteigerung und die Weichen für die Qualitätssicherung und Imageverbesserung der Vernatsch-Weine vorangetrieben.

Dieser Weg war nur möglich, indem sich insbesondere die Genossenschaften sozusagen „gesund-geschrumpft“ und die Weinbereitungsverfahren der Vernatschweine mit den neuesten technischen Errungenschaften kombiniert haben!

Wenn es nicht  zu einer Umkehr der „Wirtschaftlichkeit“ oder der „Rentabilität“ für die einzelnen Winzer kommt, wird eine weitere Rodung der Vernatschrebe zu Gunsten besonders von weißen (Burgunder-) Rebsorten nicht aufzuhalten sein.

Die Rebsorte Vernatsch wird als Folge davon in wenigen Jahren mit dem Grauburgunder, dem Gewürztraminer und Weißburgunder um die erste Stelle in Bezug auf die Anbaufläche in Südtirol kämpfen, wobei sie mit den prognostizierten ~ 600 ha wohl immer noch an erster Stelle liegen wird.

Welche negativen Auswirkungen die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii), die mit Vorliebe die Vernatsch-Traube aufgrund ihrer Großbeerigkeit (Verhältnis Schale zum Fruchtfleisch) „heimsucht“, außerdem das zunehmend schwierige Arbeitsmanagement der Pergelerziehung und die Umstellung der Sprühgeräte auf das Axialgebläse haben werden, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren: dies sind aber wichtige Ursachen, die zur weiteren Rodung der Vernatsch-Rebe bereits beigetragen haben und beitragen werden.

Alle diese aufgezählten Gründe führten und führen dazu, dass die angebaute Rebfläche an Vernatsch von 3.600 ha vor 40 Jahren in den nächsten Jahren auf wahrscheinlich weniger als  <600 ha abnehmen wird.

Diskussion

Der Vernatsch steht für Heimatverbundenheit, aber er mutiert aufgrund seiner drei großen Vorteile: der außergewöhnlichen geographischen Vielfalt, der großen Anpassung zu fast jedem Essen, und nicht zuletzt dem auch ihm innewohnenden Reifungspotential zu einem modernen Wein!

Es ist die Ehrfurcht vor der Geschichte, der Alltags-Kultur und der Tradition und die Liebe zur Einzigartigkeit dieses bisher wichtigsten Südtiroler Weines, die die Vernatsch-Winzer vorantreiben mit einer hohen Identifikation mit diesem Produkt. Sozusagen hängen die (älteren) Vernatsch- Winzer mit ihrem ganzen Herzblut, mit Leib und Seele, mit großem Fleiß und großer Liebe, ganz besonders an dieser autochthonen Südtiroler-Rebe.

Vordergründig geht es aber eindeutig um das Image, um die Wertschöpfung der Vernatsch-Traube und somit um den Auszahlungspreis; Geld, das die Kellereien den einzelnen Weinbauern für ein KG Vernatsch ausbezahlen; denn der Auszahlungspreis für ein KG Vernatsch ist im Vergleich zu allen anderen Rebsorten der niedrigste!

Alle anderen Rebsorten sind für die Weinbauern derzeit wesentlich lukrativer. Der Hektarerlös und der Verkaufspreis einer 7/10 l Flasche ist weiterhin bei den meisten Kellereien zu niedrig. Der Markt verlangt andere Sorten.

Die Realität ist also eine andere!

Die emotionale Bindung an die Rebsorte Vernatsch bleibt dabei notgedrungen auf der Strecke.

Nur die besten und geeignetsten Vernatsch-Lagen werden übrigbleiben, und diese finden sich in tieferen Hanglagen unter 450 M, aber nicht auf über 500 Meter (mit wenigen Ausnahmen im sonnendurchfluteten und eher regenarmen Vinschgau) oder auf dem Talboden.

Diese Lagenbereinigung hat vielfach schon stattgefunden. Allerdings scheint die Tendenz, dass bald jeder Weinbauer, der über eine mehr oder weniger kleine Vernatsch-Rebfläche verfügt,  versucht sozusagen „sein eigenes Süppchen“ zu kochen, für die geforderte Qualität und das Image kontraproduktiv zu sein. Genauso wie die inflationäre Zunahme am sogenannten Südtiroler Vernatsch, bei dem beinahe nach Belieben irgend ein „Roter“ beigemischt werden darf.

Wenige löbliche Ausnahmen bestätigen auch hier, gottlob, die Regel!

Ein zügiges Auflassen der Abfüllung der Vernatschweine in 1 Liter-Flaschen mit Kronkorken ist überfällig. Auch eine klare Trennung in der Etikettierung von Vernatsch-Schankweinen gegenüber dem 7/10 Segment ist unerlässlich. Demgemäß wird das Abfüllen des Vernatsch allzu oft in Liter-Flaschen (derzeit um die 15%) und mit der Aufschrift DOC auf der Etikette, in wenigen Jahren obsolet sein, da  diese Tatsache besonders zum schlechten Image dieses Weines beiträgt oder beigetragen hat.

Eine stark reduzierte Abfüllung in womöglich mit Schraubverschluss (oder Korken) verschlossenen Liter-Flaschen für besonders treue und anhängliche (ältere) Kunden dürfte aber weiterhin Bestand haben.

Es gilt für die Marketingstrategen nicht nur der Kellereien, sondern der Südtiroler Weinwirtschaft insgesamt, neue Kunden und neue Märkte und insbesondere jüngere Liebhaber für die Vernatsch-Weine zu finden und das Image dieses typischen einheimischen Südtiroler Weines zu heben und ihn als Nischenprodukt vehement zu verteidigen.

Dies müsste möglich sein, da in den letzten Jahren eine konstant hohe Qualität auch beim Vernatsch erzielt worden ist, ganz im Sinne von mehr Klasse und weniger Masse!

Das Motto lautet: „Klein und fein“. Diese Tatsache, die neue Maxime der Kellermeister und Winzer und freien Weinbauern, gilt es ins rechte Licht zu rücken.

In diesem Zusammenhang bleibt zu hoffen, dass die anerkennenswerten Bemühungen und Events des Vernatsch Cup im Virgil Mountain Ressort und der Dolomiten-Vernatsch und andere Initiativen, wie jene von den Weinhöfen, Weingütern und Kellereien des klassischen St. Magdalener oder die Kalterersee-Charta, der Qualitätsinitiative von wein.kaltern, das Image und die Bedeutung des Vernatsch aufzuwerten, von immer größerem Erfolg gekrönt sein mögen.

Schlussfolgerungen und Visionen

Das Weinland Südtirol braucht mehr denn je Weine mit Kultstatus. Zugpferde in einer sehr hohen Qualitätsstufe. Und dafür bietet sich auch der Vernatsch in all seinen Schattierungen und Spielarten an [wobei für viele Außenstehende diese Tatsache aber auch als kaum durchschaubares Wirrwarr bezeichnet wird: man denke an die Einteilung in Kalterer See (400 ha), St. Magdalener (186 ha), Meraner Hügel (102 ha, Edelvernatsch (33 ha), Vinschgau Vernatsch (14 ha), Klausner Leitach (14 ha) Bozner Leiten und Grauvernatsch!].

Mit seinem charakteristischen Profil unter den Rotweinen: dem hellen bis leuchtenden Rubinrot, der eigenständigen Aromatik nach Süßkirschen, roten Johannisbeeren, Erd- und Himbeeren, aber auch von Veilchen und Jasmin, und oftmals Anklängen nach Zwetschgen, mit einer angenehmen Bittermandel- und leicht „rauchigen“ Note, fruchtig, samtig, (eher) tannin-und säurearm, mild, geschmeidig und elegant im Gaumen ist er ein Aushängeschild für Südtirol und für die Südtiroler Leichtigkeit des Seins und seine Kultur (2, 3, 4).

Er ist ein idealer und geselliger Begleiter zu typischen (nicht nur Tiroler) Vor- und Hauptspeisen, zur (süd-)tiroler Marende und den vielen Knödelarten, zur mediterranen Küche mit Nudelgerichten und weißem (auch gegrilltem) Fleisch bei einer Trinktemperatur um die 14° C.

Kurzum: es gibt keinen Wein besser geeignet für das „Food Pairing“, also für die Paarung Speisen-Wein, wie den Vernatsch.

Die Rolle auch als idealer „Sommerwein“, neben dem Rosè, also leicht gekühlt, gilt es hervorzuheben.

Der Vernatsch ist keineswegs ein „Sturm und Drang“-Wein und will es auch nicht sein.  Er wird im internationalen Vergleich niemals und nirgendwo als ein „großer“ Wein bezeichnet oder zu den „cèpages nobles“, den edlen Reben gezählt  werden (können).

„Der Vernatsch, der in den letzten Jahrzehnten allzu oft als „einfacher Zechwein“ verkannt wurde, bietet eine außerordentliche Vielfalt, die es zu entdecken gilt, insbesondere auch für die internationale Fachpresse.“

Mit dem allzu komplexem Aromenspiel, der Ausdruckskraft von Burgunderweinen und einer aufdringlichen Explosivität am Gaumen haben Vernatsch-Weine kaum etwas oder nichts gemeinsam. Sie sind keine Weine, getragen etwa von einem hohen Polyphenol-Gerbstoffgehalt, wie der Lagrein und auch nicht wie der schwere und kräftige, von Tanninen strotzende Sagrantino di Montefalco aus Umbrien oder gar der Tannat im Madiran, der schwarze Wein in Frankreichs Südwesten, den man in diesem Zusammenhang auch als einen „Kraftlackl“ bezeichnet,  als „Labung“ nicht nur für die Pilger auf dem Jakobsweg, dessen Inhaltstoffe für das „französische Paradoxon“, nämlich den gesundheitsrelevanten (Herz- und Gefäßschonenden) Polyphenolen (dem Resveratrol und den Anthocyanen), verantwortlich gemacht werden, ganz zu schweigen!

Auch wenn manche Vernatsch-Weine bei Zusatz von Lagrein bis zu 15% im gemischten Satz sehr üppig, körper-und gerbstoffreich, insgesant „strukturierter“ sind, werden sie niemals die Charakteristiken und Merkmale der weltweit wichtigsten roten Rebsorten erreichen.

Ganz im Sinne der Beschreibung von J. J. Winckelmann aus der Weimarer Klassik, der mit der berühmten „Edle Einfalt – Stille Größe“ die vorzüglichen Kennzeichen der griechischen Meisterstücke beschrieben hat, sollte es möglich sein die besten, edlen Vernatsch –Weine auch mit diesen Attributen zu beschreiben:

Der Vernatsch besticht durch seine Einfachheit, Klarheit und Lauterkeit, er ist nicht gekünstelt und nicht kompliziert (Edle Einfalt), aber er weist eine vollkommene Harmonie in Nase, Gaumen und im Trunke auf, er ist eben getragen von „stiller Größe“ und strahlt eine „edle Noblesse“ aus!

Die Vernatsch-Weine stehen für eine exzellente regionale Spezialität, für Authentizität und für Qualität, für Heimatverbundenheit, für eine jahrhunderte lange („Tyroler“) Geschichte und die besondere Landschaftsprägung der Reben durch die Pergel.

Der Vernatsch, der in den letzten Jahrzehnten allzu oft als „einfacher Zechwein“ verkannt wurde (3,4), bietet eine außerordentliche Vielfalt, die es zu entdecken gilt, insbesondere auch für die internationale Fachpresse.

So bleibt zu hoffen, dass immer mehr renommierte Weinjournalisten seine Vielfalt entdecken und die Verkostung der Vernatschweine, ob der tollen Qualitätsdichte, die im internationalen Vergleich ihresgleichen sucht, als Vergnügen und Genuss bezeichnen (2,3,4,), selbstverständlich neben den immer zahlreicheren begeisterten, hoffentlich vermehrt auch jugendlichen Konsumenten.

Es sollte entlang der Autobahnen in Südtirol für die Millionen Durchreisenden, die in ihrer übergroßen Mehrheit noch nie etwas vom Vernatsch gehört haben (5), den Hinweis, ja geradezu eine Liebeserklärung geben: „Willkommen im Land des Vernatsch: des Kalterer See, des klassischen St. Magdalener, des Meraner Hügel, des Vinschgau Vernatsch, des Klausner Leitach und des Bozner Leiten“!

„Dort wo die edle Rebe Vernatsch in Ehren wird gehalten, da lässt ihr eleganter Wein, statt Sorg und Bein die liebe Freude und die Glückseligkeit walten!“

Fotos: ©Albin Thöni

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