WEINREISE

Der König der Weißweine

Der Rheingau, der sich – ähnlich wie Südtirol – größtenteils dem Qualitätsweinbau verschrieben hat, ist in jedem Fall eine Reise wert. Erst recht für eine gebürtige Deutsche, die ganz in der Nähe aufgewachsen ist.

WEINREISE

Der König der Weißweine

Der Rheingau, der sich – ähnlich wie Südtirol – größtenteils dem Qualitätsweinbau verschrieben hat, ist in jedem Fall eine Reise wert. Erst recht für eine gebürtige Deutsche, die ganz in der Nähe aufgewachsen ist.

von Maria Kampp

Du warst noch nie im Rheingau? Das müssen wir ändern“, sagte Christine Mayr. Ich traue mich beinahe nicht, ihr zu gestehen, dass ich – geboren und aufgewachsen in Deutschland – sechs Jahre lang in Frankfurt am Main lebte, also nur einen Katzensprung vom Rheingau entfernt, einer der faszinierendsten Weingegenden Deutschlands!

Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass ich mich damals – lang lang ist’s her! – zwar zunehmend für Wein interessierte, aber (noch) nicht unbedingt für Riesling.

Ich steckte in einer komplizierten Lebensphase, pendelte zwischen Frankfurt und London, und immer wenn sich Gelegenheit bot, dem Alltag zu entfliehen, ging es weiter weg als nur über Main oder Rhein, am liebsten in in den Süden – meistens nach Südtirol!

Das ist etliche Jahre her, Südtirol ist meine Wahlheimat geworden, aber ab und zu verschlägt es mich in den Norden, diesmal tatsächlich, oh Wunder, in den Rheingau.

Ausgerechnet zwei Südtiroler, Christine Mayr und Albin Thöni, erklärten sich bereit, mir diese legendäre Weinregion näher zu bringen, die ich bisher buchstäblich links liegen gelassen hatte, obwohl sie, ich wage es gar nicht zu sagen, weniger als eineinhalb Stunden Fahrzeit von meiner Geburtsstadt Heidelberg entfernt liegt.

Aber man lernt eben nie aus!

Anfang März diesen Jahres unterrichtet Christine im Rahmen des Weinakademikerstudiums in der Hochschule Geisenheim. Ich lasse mich nicht zwei Mal bitten mitzukommen. Stilecht nähern wir uns Rüdesheim per Rheinfähre von Bingen aus. Dank zähen, drei Tage ununterbrochen andauernden Nebels, der Anfang März im Rheingau wohl nicht untypisch ist, werde ich immer nur eine Variante des Rheingaus zu Gesicht bekommen: entweder die Weinberge oder den Rhein. Für beides zugleich wird die Sicht nicht ausreichen.

Der Rheingau hat sich, ähnlich wie Südtirol, größtenteils dem Qualitätsweinbau verschrieben. Er schließt einige der besten Weinberge Deutschlands ein.

Wie gut, dass Vater Rhein sich entschieden hat, auf seinem Weg nach Norden für 35 Kilometer seinen Lauf zu ändern, und zur Abwechslung mal westwärts fließt! Nur so bietet sich dem Weinbau die einzigartige Südlage, während das bis zu knapp 900 Meter hoch gelegene Mittelgebirge des Taunus die Reben vor kalten Nordwinden schützt.

„Wie gut, dass Vater Rhein sich entschieden hat, auf seinem Weg nach Norden für 35 Kilometer seinen Lauf zu ändern, und zur Abwechslung mal westwärts fließt! Nur so bietet sich dem Weinbau die einzigartige Südlage.“

So finden die Reben am 50. Breitengrad ein Klima, in dem sogar Feigen, Zitronen und Mandeln reifen! Rhein und sein kleiner Bruder Main sorgen für Lichtreflexion und Wärmespeicherung und damit einzigartige Lagen, die sich auf Schiefer, Quarzit, Kalkstein, Löss oder Lehm tummeln. Die nördliche Lage schenkt den Reben im Sommer eine überdurchschnittliche Sonnenscheindauer, die die Trauben auch bei moderaten Temperaturen vollends ausreifen lässt.

Zu über 80 Prozent wird auf der rund 3000 Hektar großen Weinbaufläche des Rheingaus Riesling angebaut. Der Riesling, im Rheingau seit dem Jahr 1435 heimisch, erreicht hier seine weltweit höchste Dichte! Neben dem König der Weißweine hat auch der Blau- bzw. Spätburgunder im Rheingau eine Heimat gefunden, die ihm ausgezeichnete Bedingungen liefert. Er wurde bereits im Jahr 1107 urkundlich als Rebsorte bestätigt.

Ein Weingut grenzt ans nächste, beim Vorbeifahren fällt der Blick auf berühmte, großartige Lagen mit noch großartigeren Namen. Wer möchte nicht Weinberge mit eigenen Augen sehen, die so klang- wie verheißungsvolle Namen tragen wie „Hochheimer Hölle“, „Jesuitengarten“, „Dompräsenz“, „Kirchenstück“, „Sonnenberg“ und „Domdechaney“?

Wohin man blickt, wo auch immer man einkehrt, das Stichwort lautet Riesling.

„Zu über 80 Prozent wird auf der rund 3000 Hektar großen Weinbaufläche des Rheingaus Riesling angebaut. Der Riesling erreicht hier seine weltweit höchste Dichte!“

Der König der Weißweine, auf den sie stolz sind hier, mehr noch als auf „Germania“ und „Loreley“, mehr noch als auf die unzähligen Rheingauer Burgen und Klöster, die Drosselgass, Spundekäs und Blutwurst. Unzählige Male Riesling, jedesmal anders, jeder ein Kunstwerk für sich. Treffend, dass wir zuerst das Weingut mit Namen „Künstler“ besuchen. Enrico schenkt munter ein und lässt uns fast alles probieren, was der Keller zu bieten hat, Riesling, Riesling und nochmal Riesling, und trotzdem könnte die Weine unterschiedlicher nicht sein.

Riesling kann dort, wo er so ideale Bedingungen findet wie hier, einfach alles: Stillwein, Süßwein, Sekte. Und er altert einfach gut!

Mehr oder weniger nebenbei verkosten wir noch den ein oder anderen Spätburgunder, allesamt Exemplare, die man auch einmal verkostet haben sollte, aber unsere wahre Liebe und Aufmerksamkeit gelten dem Riesling. Bei Künstler verkosten wir soviel von der „Hölle“, eine der besten Weinlagen Deutschlands, dass wir uns schließlich im Himmel wähnen.

Weiter geht’s auf dem Weingut F.B. Schönleber in Oestrich-Winkel, wo uns Eigentümer und Kellermeister Ralf Schönleber Riesling sowie weinguteigene Sekte auftischt. Ralf benötigt eine Dreiviertelstunde, um händisch 5000 Sektflaschen durchzurütteln, das ist deutlich kürzer als die Zeit, die wir benötigen, um seine Weine zu probieren!

Christine und Albin geben alles, damit ich Exildeutsche der deutschen Weintrinker liebstes Kind kennen- und schätzen lerne, und nach drei Tagen kann ich nur sagen, es ist ihnen gelungen! In meinem Weinregal tummeln sich jetzt mehr Rieslinge als ich es je für möglich gehalten hätte. Von knochentrocken über feinherb bis süß, von Kalk über Kies bis Ton, von Erster bis zu Großer Lage, von 1971 bis 2016, von filigran und leicht über würzig bis hin zu schwer und kraftvoll – wir haben stets aufs Neue dazu gelernt, während wir genießen durften, oder war es umgekehrt?

So beschäftigt sind wir, dass wir es nicht mal aufs Gourmetfestival Rheingau schaffen.

Auch der Rheingau war im vergangenen Jahr von großen Ernteausfällen getroffen, einmal wegen des Spätfrostes im April, mehr aber noch dank des Hagelsturms am 1. August.

Auf dem Weingut J.B. Becker in Walluf, das in diesem Jahr sein 125-jähriges Jubiläum feiert, empfangen uns Eigentümer Hajo Becker und seine Frau Eva herzlich. Auch hier genießt der Riesling Handlese, großes Augenmerk wird auf Selektion gelegt, es gilt die Handschrift des Weinbergs zu respektieren. „Böden und mikroklimatische Unterschiede sollen sich in jedem Wein widerspiegeln dürfen“, so Hajo Becker. Das Lesegut wird außerdem biologisch erzeugt.

Ich bin froh, dank Christine und Albin ein Stück alte Heimat (neu) entdeckt zu haben und freue mich aufs nächste Mal.

Fotos: ©Albin Thöni

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