Stifskellerei Kloster Neustift

Weinkultur seit 1142

Beinahe 900 Jahre hat es auf dem Buckel und Wein hat hier Tradition. Das Kloster Neustift, gegründet im Jahr 1142, zählt zu den ältesten Kellereien Italiens.

von Maria Kampp

Schon bei der Gründung wurde Kloster Neustift von Reginbert von Säben großzügig mit Höfen und Grundstücken, darunter auch Weinbergen, ausgestattet. Durch Schenkungen, Stiftungen, Kauf und Tausch erwarb das Kloster im Laufe der Jahrhunderte einen ansehnlichen Besitz an Weinbergen; bis zum heutigen Tag ist das Kloster von Weinbergen umgeben. Sie erstrecken sich vom Kloster auf einer Höhe von 600 m.ü.M. die steilen Hänge empor bis auf 900 m.ü.M. Seit der vorübergehenden Aufhebung des Stiftes zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind allerdings nicht mehr alle im Besitz des Klosters. Doch die Bauern liefern ihre Trauben bis heute größtenteils ans Stift, wo sie in der stiftseigenen Kellerei zu ausdrucksstarken Weinen verarbeitet werden.

Eine der ältesten Kellereien Italiens

Wie archäologische Funde beweisen, wird an den geschützten Hängen des Eisacktales seit weit mehr als 2500 Jahren Weinbau betrieben. Welche Mühen man für die Anlage von Weinbergen in Kauf nahm, bekunden heute noch die vielen Trockenmauern, die die Hänge terrassenförmig gliedern und damit deren Steilheit abschwächen. Jahrhundertelang wurde für den Eigenbedarf gekeltert. Der Weinverkauf lässt sich für das späte 19. Jahrhundert erstmals nachweisen. Jede Menge Erfahrung, eine einzigartige Lage, geschichtsträchtige Mauern und das Streben nach höchster Qualität – so fasst Werner Waldboth, Leiter für Vertrieb und Marketing in der Stiftskellerei Neustift, das Credo des Weinguts Kloster Neustift zusammen. Anfang Juni durfte sich die Redaktion des Dionysos selbst ein Bild machen. 

Fremd fühlen wir uns nicht innerhalb der Mauern des ehrwürdigen Klosters, finden doch seit vielen Jahren die Kurse der Südtiroler Sommeliervereinigung  sowie Seminare der Südtiroler Weinakademie im Bildungshaus Kloster Neustift statt. Wir werden herzlich begrüßt von Werner Waldboth sowie Kellermeister Celestino Lucin und Franziska Steinhauser, verantwortlich für den Vertrieb in Südtirol. Der neue Verkostungsraum der Kellerei eröffnet einen Blick ins frühsommerliche, wenn auch verregnete Grün. Man begrüßt uns mit einem Kellerfund, der Begehrlichkeiten weckt: ein Weißburgunder 1997. Im Glas präsentiert er sich goldgelb, ausgestattet mit bemerkenswerter Leuchtkraft, in der Nase erinnert er an einen gereiften Riesling. Doch zunächst geht’s in den Keller unter der sachkundigen Führung von Celestino Lucin, Kellermeister seit 1998, dem Schlüsseljahr für das Kloster, denn 1998 gab es zum ersten Mal die Auszeichung „drei Gläser“. 

Qualitätsorientierter Weinbau

Kloster Neustift ist Teil der Weinproduzentengenossenschaft Vahrn-Neustift-Brixen, gegründet im Jahr 1961. Sie bewirtschaftet eine Gesamtrebfläche von stolzen 86 Hektar, von denen 6 Hektar Weinberge in unmittelbarer Umgebung des Klosters sind. In den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaufte das Kloster den Marklhof in Eppan. Dort werden auf 16 Hektar bis heute die roten Rebsorten Vernatsch und Blauburgunder angebaut. Weitere Lage befinden sich in Gries und St. Magdalena. In der Anfangszeit der Genossenschaft wurden die Weine fassweise verkauft, bald aber erfolgte der Umschwung hin zu qualitätsorientiertem Weinbau. Das Augenmerk liegt heute eindeutig auf dem Weißwein, so Werner Waldboth. „Das Eisacktal ist eine Weißweinregion, die klimatischen Gegebenheiten sind ideal.“

Die Jahresproduktion beträgt 750000 Flaschen, davon werden 75 Prozent in Italien verkauft. Der Export geht zur Hälfte in die USA, der Rest nach Japan, Russland und Kanada. Die Stiftskellerei hat ihr Weinportfolio über die Jahre stetig erweitert. So begann man im Jubiläumsjahr 1992 mit der Selektionslinie „Praepositus“. Den Prälaten des Klosters gewidmet, sind die Praepositus-Weine allesamt reinsortig. Heute umfasst die Linie Praepositus sämtliche Rebsorten, mit der Ausnahme des Vernatsch: acht Weine im Weißwein-, zwei im Rotwein- und zwei im Süßweinbereich. Da mag die Wahl durchaus schwer fallen!

Neue Produktlinie Insolitus – Materie, Wissen, Zeitgeist

Zurück im Verkostungsraum, stellen uns Franziska, Celestino und Werner die neue Produktlinie Insolitus vor. Bisher wurden drei Weine produziert. Sie heißen OHM, QUOTA und HORA. „Es war Zeit für etwas Neues,“ so Kellermeister Celestino Lucin, „Zeit, etwas zu wagen, mit neuen Techniken zu spielen und mit neuen Rebsorten. Es geht um Innovation auf Basis eines uralten Handwerks, das Spiel mit der Materie, Wissen und dem Zeitgeist.“ 

OHM steht für Widerstand und ist ein Experiment mit pilzresistenten Rebsorten, erläutert Franziska Steinhauser mit sichtlichem Stolz. Der Jahrgang 2019, Mitterberg IGT, wurde gekeltert aus der spätreifenden Rebsorte Bronner. Angebaut in der warmen Überetscher Lage Marklhof und vinifiziert im Edelstahl, ist OHM ein Wein mit mittlerer Struktur und einer belebend-angenehmen Säure. Die fruchtigen und blumigen Aromen erinnern uns an den Müller-Thurgau. Wer den OHM probieren möchte, muss sich beeilen, denn die Produktion betrug lediglich 1350 Flaschen. 

QUOTA 2018, OHMs Bruder, ist ein Weißburgunder aus höheren Lagen. „Mit dem QUOTA loten wir die Grenzen der typischen Südtiroler Rebsorten aus,“ erläutert Celestino Lucin. „Durch den Klimawandel hat der Weißburgunder auch unsere nördlichen, höher gelegenen Lagen erreicht.“ Das Ergebnis dieses Experiments? Eine knackige Säure, frische Aromen und ein moderater Alkoholspiegel von 12 Volumenprozent. „Ein Wein, der Spaß macht,“ so Präsidentin Christine Mayr. Der QUOTA durfte 18 Monate im Barrique verbringen (davon ein Drittel neues Barrique). Die Reben wurden im Jahr 2016 gepflanzt. Der QUOTA zeigt schöne buttrige Noten, die vom biologischen Säureabbau herrühren, und zeigt eine schöne Harmonie von Frische und Cremigkeit. 

Der Dritte im Bunde ist der HORA. „HORA ist Sylvaner mal Zeit“, so Werner Waldboth. Wir haben es mit einem Orange Wein zu tun! Durch die Maischegärung und die anschließende Reifezeit (24 Monate im 30hl Eichenfass, 12 Monate im Barrique, 12 Monate Flaschenreife) entwickelt der Wein ein feines Aromenspektrum, das aus dem Rahmen fällt. „Spannend!“ lautet das einhellige Urteil. In der Tat handelt es sich beim HORA um einen vielschichtigen Sylvaner mit würzigen Aromen, rauchigen Noten und fruchtigen Anklängen von Zitrus und Exotik. Die leichte Schärfe harmoniert hervorragend mit dem spürbaren, aber nicht aufdringlichen Tannin.

Nach soviel innovativem Weingenuss sind wir eigentlich wunschlos glücklich, aber die Verkostung ist noch nicht zu Ende. Franziska, Celestino und Werner präsentieren uns eine Vertikale des Sylvaner Praepositus. Wir beginnen mit dem aktuellen Jahrgang 2018, gefolgt von den Jahrgängen 2015, 2010, 2006, 2002, 1997, 1992 und als Höhepunkt 1976. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Neustift angebaut, gehört der Sylvaner zum Eisacktal wie kaum eine andere Rebsorte, so Werner Waldboth. Ein Wein, der ideal ist zum Aperitif, aber auch ein guter Speisenbegleiter, ein potenzieller Allrounder eben, so Celestino Lucin. Rund ein Drittel des Sylvaner Praepositus vergärt und reift im großen Holzfass, der Rest im Edelstahl sowie ein kleiner Anteil im französischen Barrique. 

Was der Sylvaner alles kann

Die Exemplare, die wir verkosten dürfen, sind allesamt komplex und weisen eine extreme Präzision auf. Besonders angetan sind wir vom Jahrgang 2002, denn hier zeigt der Sylvaner, was er kann. Der 1997er zeigt ebenfalls das enorme Potenzial der Rebsorte, so Celestino Lucin. „Das Eisacktal hat die Säure, die Mineralität und die Saftigkeit, um einen frischen, komplexen Wein zu produzieren.“ Der 1992er ist kein bisschen müde, von großartiger Frische und Komplexität. Und das krönende Finale, der Sylvaner aus dem Jahr 1976, zeigt sich ebenfalls noch sehr präsent und zeugt vom Alterungspotenzial dieser Rebsorte. Vibrierend lebhaft am Gaumen, charaktervoll in der Nase und mit einer betörend goldenen Farbe ausgestattet.

Was zeichnet die Weine des Kloster Neustift aus? Da ist zunächst die für das Eisacktal typische Frische, gepaart mit knackiger Säure und präzisen Aromen. Wert wird auf die Sortentypizität gelegt und Terroir ebenfalls groß geschrieben. „Im Eisacktal finden wir ganz besondere klimatische Bedingungen,“ so Celestino Lucin. „Wir befinden uns ganz im Norden Italiens, wo der Weinbau an seine klimatischen Grenzen stößt.“

„Unser Ziel ist ein klares Profil und eine gelebte Identität“, so Werner Waldboth. So blickt man denn nun auch zuversichtlich in die Zukunft. Wir danken für die spannende Verkostung hinter geschichtsträchtigen Mauern und freuen uns auf den nächsten Besuch!

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