KELLEREI ST. PAULS

Mut zum Risiko

Die Kellerei St. Pauls hat sich neu aufgestellt und sieht sich für die Zukunft gut gerüstet. Das Führungstrio der Kellerei erklärt den besonderen Charakter der Paulsner Weine – und verrät, auf welche Themen man in Zukunft verstärkt setzen will.

von Roman Gasser

St. Pauls ist ein historisches Weindorf, umgeben von wundervollen und atemberaubenden Weinanlagen. Man hat das Gefühl, dass St. Pauls eine Geburtsstätte des Weines sein könnte. Das Dorf mit seinen Rebanlagen, den traditionellen Gebäuden und idyllischen Gassen ist ein Schmuckstück, der wuchtige Kirchturm des „Doms am Lande“ ist 86 Meter hoch. Wirklich überall in St. Pauls gedeihen die Rebstöcke im Schutz der Berge auf extrem fruchtbaren Böden.

Die Genossenschaft selbst wurde 1907 gegründet und setzte stets auf Weine mit klarer Identität, welche die Besonderheiten des Terroirs hervorheben. 

Eine natürliche Vielfalt zeichnet die Lagen aus: auf unterschiedlichen Höhen (300 bis 700 Meter Meereshöhe), Ausrichtungen und Böden findet jede Rebsorte ihren optimalen Standort. 

Insgesamt 185 Hektar werden mit größter Sorgfalt und weitgehend von Hand bearbeitet.

Kommen wir zu den flüssigen Schätzen: Neben dem Einstiegswein „Paul“, einem fruchtig-saftigen weissen Cuvée, gibt es folgende Weine: 

Die „klassischen Sorten“ Weißburgunder, Chardonnay, Pinot Grigio, Müller Thurgau, Sauvignon, Riesling, Goldmuskateller, Gewürztraminer, Lagrein Kretzer, Kalterersee Auslese klassisch, Grauvernatsch, St. Magdalener klassisch, Pinot Noir, Lagrein und der Verlab Cuvée (mit rotbeeriger Fruchtaromatik mit leichter Würze und mit den wichtigsten roten Rebsorten Vernatsch, Lagrein und Blauburgunder)

Die „Selektionen“: Trauben spezieller Parzellen und Lagen bilden hier die Grundlage. Bereits legendär ist der Plötzner Weißburgunder (mit seinem komplexen Aromaspektrum nach grünem Apfel, Birne und Pfirsich mit feinen Zitrusnuancen, floralen Anklängen und Mandeltouch). Weiters zu dieser Mittellinie gehören Fuxberg Chardonnay, Löss Pinot Grigio, Gfill Sauvignon, Justina Gewürztraminer, Meris Merlot Rosé, Missianer Vernatsch, Luzia Blauburgunder, Huberfeld Merlot, Zobl Lagrein, Turmfeld Cabernet Riserva und Aurie Petit Manseng.

Die „Passion“-Linie umfasst folgende Etiketten: Weissburgunder Riserva, Sauvignon, Gewürztraminer, Vernatsch, Pinot Noir Riserva, Merlot Riserva und Lagrein Riserva. Diese Linie wird mit dem neuen Jahrgang aufgelöst, die Weine sollen neu definiert werden und werden in Zukunft unter dem Überbegriff „Alte Reben“ firmieren.

Die Kellerei St. Pauls erzeugt schliesslich auch den bekannten Sanctissimus Weissburgunder und den Blanc-de-Blanc Praeclarus-Sekt.

Der Sanctissimus ist dabei eine echte Rarität und wird aus Reben gekeltert, die im fernen Jahre 1899 gepflanzt wurden. Das mit größter Sorgfalt handgelesene Traubengut und der äußerst niedrige Ertrag bilden die Grundlage für einen aussergewöhnlichen Wein. Die Trauben werden in Amphoren eingemaischt und gären dann einige Monate. Seine natürliche Ausgewogenheit findet die Riserva im großen Holzfass aus Eppaner Eiche. Der facettenreiche Jahrgang 2016 verspricht ein komplexes Aromaerlebnis und entwickelt sich am Gaumen sehr dicht und mineralisch. Dieser Weißburgunder überzeugt mit einem faszinierenden Spiel aus Säure, Frucht und Komplexität. Leuchtendes Strohgelb, differenzierte Nase, zeigt Noten nach reifem Apfel, dazu feine würzige Töne, nach Salbei. Am Gaumen voluminös, saftig, cremig und anhaltend im Abgang.

Lange Tradition bringt der Praeclarus Brut Sekt mit. Streng ausgelesene Chardonnay-Trauben und tiefgründige Kalkböden sowie eine mehrjährige Flaschenreife tragen zu seinem besonderen Aroma bei. 

2019 gab es einen Richtungswechsel in der Kellerei: ein neuer Obmann wurde gewählt.

„Wir haben bereits in den letzten Jahren einige Veränderungen auf den Weg gebracht. Ich bin nur eine davon“, so Dieter Haas.

Der neue Obmann besitzt ein Weingut in Eppan-Berg. „Ich war viele Jahre im Ausland , habe an der Boku studiert, bin dann in Wien hängengeblieben, allerdings nicht in der Landwirtschaft sondern in der Großindustrie. Vor fünf Jahren bin ich dann nach Südtirol zurückgekehrt und war dann einige Jahre lang im Management der Dr. Schär AG tätig. 

Im November letzten Jahres ist Dieter Haas dann zum Obmann der Kellerei St. Pauls gewählt worden. Im Frühjahr hat er dann auch die operative Geschäftsführung übernommen, weil es ihn reizte, die Neuausrichtung weiter zu begleiten.

„Hermann Gamper ist bereits vor 2 Jahren dazugekommen, er leitet unseren Vertrieb. Der Kellermeister Wolfgang Tratter hingegen ist der Dienstälteste, wir sind ein tolles Team“, so der Obmann.

Das Trio lenkt gemeinsam mit Büroleiter Peter Andergassen die Geschicke der 

Kellerei St. Pauls.

Vor drei Jahren haben sie noch unter Altobmann Leopold Kager begonnen, die Kellerei neu aufzustellen. Sie haben den gesamten Auftritt überarbeitet und ihre Visionen umgesetzt. Der gesamte Auftritt wurde hinterfragt und die zugrundeliegenden Werte in Workshops neu definiert. Der Obmann sagt voller Motivation: „Wir arbeiten glücklicherweise seit Jahren gut. und erzielen respektable Auszahlungspreise. Dieses Fundament möchten wir weiter festigen und uns gleichzeitig weiterentwickeln.“ 

Begonnen wurde mit dem Erscheinungsbild, das dem Zeitgeist angepasst wurde., Auch die Positionierung wurde hinterfragt: Wie wird die Kellerei bei Kunden, Vermittlern und Agenturen wahrgenommen? Und wie verhält sich das im Vergleich zu anderen Produzenten? 

Auf Basis der Erkenntnisse wurde sowohl das Sortiment als auch der Auftritt umgekrempelt „Wir sind überzeugt, dass die Adaptierung gelungen ist: Der Auftritt ist frischer geworden, und mit den Werten gemeinsam, achtsam und mutig haben wir jetzt eine klarere Identität. Diese versuchen wir nun weiter zu bespielen“, so Haas.

Die neue Devise lautet denn auch: Mut zum Risiko! Man wolle sich Dinge trauen, die vielleicht nicht immer von Beginn an passen, und man wolle eben auch mal vorausgehen. 

Kellermeister Wolfgang Tratter erklärt: 

„Mutig sein heißt, das riesige Potential zu erkennen. Wir befinden uns in der größten Weinbaugemeinde Südtirols und alle unsere Lagen liegen in unmittelbarer Nähe zur Kellerei. Das ist ein einzigartiges Terroir, hier wollen wir gemeinsam neue Wege beschreiten. Ein weiteres Thema ist ebenfalls mit Mut verbunden: nehmen wir die Sorte Weißburgunder, die derzeit noch als Mitläufer und nicht sehr hipp gesehen wird. Aber das wird sich ändern: wir möchten beweisen, dass im Weißburgunder unheimlich viel Potential steckt“.

Auch Dieter Haas ist davon überzeugt: „Wenn wir es schaffen, für Südtirol die Sorte international zu besetzen, , dann wäre das für den Weißburgunder eine tolle Chance. Wir glauben, hier eben unsere Stärke zu haben.“

Die Paulsner haben viel vor – im Keller wurde mit einer Erweiterung vor 2 Jahren mehr Platz geschaffen, eine neue Abladestation wurde installiert, das neue Gebäude samt Verkostungsraum befindet sich gerade im Bau.

Als nächstes soll ein Produktionsmonitoring aufgebaut werden, um Schwächen und Potenziale besser und vor allem schneller analysieren zu können. Dafür wurde eigens ein Agronom eingestellt. 

„Nur mit Ehrlichkeit und Offenheit kann man überzeugen. Auf lange Sicht werden wir von charaktervollen Weinen profitieren.“
Hermann Gamper

Dazu sagt Wolfgang Tratter: „Ich sehe das auch als Entlastung, wir sind im Prinzip ein kleiner Betrieb, haben aber diesselben Anforderung wie die grossen. Die zusätzliche Ressource verschafft uns mehr Luft, um uns auf Verbesserungen konzentrieren zu können.“

Für den Obmann ist Transparenz sehr wichtig, die Ausgangsbedingungen in bestimmten Zonen sollen besser beleuchtet und analysiert werden. „Wir wollen den Bauern aber nicht ständig auf die Finger schauen, vielmehr soll eine begleitende Analyse stattfinden und Unterstützung angeboten werden. Der Weinbauer muss weiterhin Freude an seiner Arbeit haben, keiner will ein Labor betreiben“ so Haas, „es geht nicht um Bevormundung, sondern um Teamarbeit.“

Die Situation stimmt auch Verkaufsleiter Hermann Gamper positiv. Er erklärt: „Ich finde es wichtig, dass wir uns öffnen und auch mit kritischen Geistern austauschen. Wir haben es jetzt geschafft, dass wir intern sehr offen diskutieren und genau wissen, wo wir hinwollen.

Das nötige Quantum Demut tut uns dabei allen gut, um eben nicht selbstherrlich von oben herab zu sagen, wir sind die besten und wissen alles.“.

Deshalb müsse man laut Gamper mutiger auftreten, weg vom Mainstream und hin zu den eigenen im Wein. 

1,5 Millionen Flaschen Wein müssen jährlich an den Mann oder die Frau gebracht werden „Dafür benötigen wir Weine, die spontan wirken, aber auch Weine, die charaktervoll sind und Tiefgang haben. Solche Änderungen sind nicht von heute auf morgen möglich – das ist ein langer Prozess. Nur mit Ehrlichkeit und Offenheit kann man überzeugen. Auf lange Sicht werden wir von charaktervollen Weinen profitieren“, so Gamper.

Eleganz bei moderatem Alkoholgehalt ist eine andere Vision des Trios. Der frische und leichte Cuvée Paul steht sinnbildlich für diese Veränderung, er enthält die Leitsorten Weißburgunder, Chardonnay und Sauvignon – ist also ein echter Paulsner. Dazu Wolfgang Tratter: „Es war mutig, diesem Wein zu produzieren, aber auch mutig, ihn mit Drehverschluss zu versehen.“

Zum Abschluss offenbart der Kellermeister noch eine Neuigkeit: „Im Dezember wird ein neues Produkt in der Sekt-Familie Praeclarus der Kellerei St. Pauls präsentiert werden. Neben dem klassischen Brut, welcher etwas verjüngt wird, gibt es in Zukunft einen Jahrgangssekt ohne Dosage (Pas dosè), der die Möglichkeiten für eine Wein-/Speiseanpassung noch interessanter machen wird. Durch eine Reifezeit von über fünf Jahren in unserem Sektbunker bei natürlich konstanter Temperatur entwickelt dieser neue Sekt eine besonders feine Perlage und eine unglaublich vielschichtige Komplexität am Gaumen.“ 

 Auf der atemberaubenden Sanctissimus-Leiten-Plattform ließen wir den Abend ausklingen. 

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